Eine Karriere ist zu Ende, ein Traum vorbei

«Erst die Möglichkeit, einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert», sagte sich Santiago, als er nach einem immer wiederkehrenden Traum beschloss, einen etwas anderen Weg einzuschlagen, als derjenige, der sich sein Umfeld gewohnt war. Santiago ist die Hauptfigur von Paulo Coelhos Bestseller-Roman «Der Alchimist». Der Jugendliche beschloss die Wüste zu durchqueren, um nach einem Schatz zu suchen, der er sich sicher war, in Ägypten zu finden. Wieso erzähle ich das alles, obwohl Coelho noch nicht einmal zu meinen Lieblingsautoren gehört?

2009 stand ich vor einer Entscheidung: Suche ich mir eine Arbeitsstelle als soeben eidgenössisch diplomierter Kaufmann, paddle nebenher so viel wie möglich auf den Wildflüssen dieser Erde oder setzte ich alles auf eine Karte. Die Karte hiess Olympia, und das bedeutete: einen Wechsel auf die Flachwasserdisziplin Kanu-Regatta, so wenig Arbeit wie möglich und so viel Training wie nötig. Von meinem Bruder Silvan erhielt ich zu dieser Zeit das oben erwähnte Buch geschenkt. Auch wenn es nicht meine einzige Entscheidungsgrundlage war, bestärkte es mich ungemein, alles zu riskieren.

Ein Umfeld, um schlechte Phasen abzufedern

Fortan trainierte ich täglich zwischen zwei bis vier Trainingseinheiten, wöchentlich über 20 Stunden. Die meisten davon alleine – egal ob Schnee fiel oder die Wellen des Vierwaldstättersees mein Boot abfüllten. Glücklicherweise hinterfragten meine Eltern meine Entscheidung nicht – oder zumindest wäre es nicht bis zu mir gedrungen. Das half enorm. Denn der Spitzensportler-Beruf ist in der Schweiz nicht wirklich angesehen; ausser man schafft es als Skifahrer, Fussballer oder Eishockeyspieler. Ansonsten heisst es: viele Klinken putzen, viel Überzeugungsarbeit, wenig Ertrag. Ohne Eltern, die hinter mir standen und mich unterstützen, hätte ich es nicht geschafft.

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Trotzdem muss man am Schluss alleine durch – und man will das auch. Es ist zwar ein Spruch der so alt wie abgenutzt ist, aber es stimmt: Sport ist eine Lebensschule. Neben der Selbständigkeit, die gefördert wird, eignet man sich einen enormen Willen an, härtet seinen Körper ab und wird komprimiert mit enorm vielen Emotionen konfrontiert. Das führt zur nächsten Binsenweisheit: Sieg und Niederlage liegen dicht beieinander. Manchmal trainiert man pickelhart über Monate hinweg und nichts geschieht ausser ständige Müdigkeit. Vielleicht ist das Übertraining, vielleicht auch der nötige Schritt zurück, um danach zwei vorwärts machen zu können.

In einer solchen Phase braucht man ein intaktes Umfeld als Auffangbecken. Dieses hatte ich. Meine Familie, die alle enorm viel gemacht haben für meine Karriere. Vor Olympia sprang beispielsweise mein ältester Bruder Reto als Manager ein und koordinierte alle Termine, obwohl ihm in der Sommerzeit mit der eigenen Kanufirma das Wasser jeweils bis zum Hals steht. Zum Auffangbecken gehört auch die Gönnervereinigung, die mich finanziell unterstützte. Viele Leute, die mir nichts schuldig gewesen wären, investierten nicht nur Geld, sondern auch viel Freizeit in diesen Verein. Freunde, gute Gespräche, leckeres Essen (Ich werde nie wieder so viel essen können wie zu meiner Zeit als Spitzensportler), all das half, um aus einer Krise wieder herauszukommen.

Die wohl heftigste Krise hatte ich vergangenen Winter. Eine leichte Entzündung im Ellbogen zog sich über Monate hinweg. Über viele Wochen verpasste ich die Wassertrainings. Krafttraining kann ich noch heute nur mit Einschränkungen machen. Insgesamt verlor ich seit Januar sechs Kilogramm Muskelmasse. Mit Fahrrad- und Lauftrainings hielt ich mich aber immer fit und verlor ein Ziel nie aus den Augen: die WM Ende August in Portugal. Zwar reichte es Andri und mir im Zweier nicht zu viel Glanz. Dahingegen schloss ich mit Rang sechs über 5000m die WM erfolgreich ab – ich egalisierte mein Bestresultat von 2015. Noch wichtiger als diese beiden sechsten Plätze ist in meiner Karriere meine einzige gewonnene Medaille auf internationalem Niveau. Ich gewann sie ebenfalls in Portugal, 2012 an der U23-EM. Es ist nicht der einzige Kreis, der sich schliesst.

Am Boden bleiben, um weiterzukommen

In Eschenz erkämpfte ich an der SM letztes Wochenende meinen zehnten Titel in Folge über die 1000m im Kajak-Einer. Angefangen hat diese Serie 2009. Ebenfalls in Eschenz. Als 20-jähriger, unbeschwerter und unbedarfter Neuling überraschte ich – ausser mich selbst – wohl ziemlich viele. Mindestens so schön war der Titel zusammen mit Christophe Nicolet im Zweier nur ein paar Stunden später. In einem Mannschaftsboot lassen sich Erfolge einfach besser feiern. Zudem gab dieser Erfolg Gewissheit, dass der Wechsel in eine olympische Disziplin die richtige Entscheidung war.K2VictoireSMALLCutted

Während meiner Karriere hatte ich das Privileg, dass ich relativ regelmässig Fortschritte machen konnte. Olympia 2012 verpasste ich zwar, durch meine Erfolge in jener Saison wurde ich dafür in die Spitzensport-RS der Schweizer Armee aufgenommen, erhielt Fördergelder der Schweizer Sporthilfe und hatte endlich die professionellen Rahmenbedingungen, die für eine Olympiaqualifikation von Nöten sind. Mit meinem langjährigen Trainer Ingolf Beutel hatte ich einen Fachmann an meiner Seite, der immer schön schaute, dass ich meine Füsse am Boden behalte. So gut wie täglich zu hören, dass man so gut wie nichts kann, half, um noch mehr die eigenen Grenzen auszuloten. Genau das brauchte ich.

Die Flucht nach vorne – auf der anderen Seite der Welt

Die Olympia-Qualifikation gelang auch für Rio 2016 nicht. Am entscheidenden Rennen, der WM in Mailand 2015, habe ich zwar mein bestes Rennen über 1000 Meter abgerufen, knackte das erste und einzige Mal die magische Marke von 3:30, aber die Konkurrenz war schneller. Die Leistung war trotzdem nicht umsonst – dazu gleich mehr. Danach riskierte ich etwas und verliess für einen Winter mein gewohntes Umfeld. In Australien fand ich nicht nur warmes Wetter, sondern auch Top-Trainingspartner und eine komplett andere Trainingsphilosophie. Ob mich dieser Aufenthalt sportlich wirklich weiterbrachte, weiss ich bis heute nicht so genau. Menschlich möchte ich diese Erfahrung jedoch auf keinen Fall missen: In dieser Zeit ging bei mir privat vieles in eine gute Richtung, zudem konnte ich erstmals so etwas wie journalistisch tätig sein und spürte, wo es mich in der Zeit nach dem Sport in etwa hinziehen könnte.

Ein viraler Infekt brachte mich bei der Rückkehr aus Down-Under um meine Bestleistungen. Die letzte Olympiachance war dahin. Eine schwere Zeit folgte. War es das wirklich? Was nun? Ich wusste, dass ich mir nichts vorwerfen konnte, weil ich immer alles oder mehr gegeben habe, aber es ist verdammt schwierig, wenn man das Ziel der Ziele, den Traum verpasst. Frische Verliebtheit half mir in dieser Zeit, positiv zu bleiben. Ich wollte es irgendwie nicht wirklich wahrhaben, dass ich es nicht schaffte und glaubte immer noch irgendwie daran, nach Rio zu kommen. Tatsächlich: Ein paar positive Dopingtests der Konkurrenz liessen mich aufgrund des WM-Resultats von 2015 nachrutschen. Zwei Wochen vor den Olympischen Spielen. Als letzter Schweizer Athlet überhaupt. Ich erhielt mein Olympiaticket.

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Auch wenn ich jetzt aufs Übelste spoilere, was das Ende von «Der Alchimist» angeht, ich tue es trotzdem: Santiago fand seinen Schatz. Als er ihn hatte, merkte er, dass all die Erfahrungen, all die Menschen, die er während seiner Zeit in der Wüste kennen lernte, ihm mehr bedeuten als dieser Schatz. Es geht mir etwas ähnlich. Rio 2016 war super, aber auch super surreal. Ich begann danach mein Studium, hoffte gleichzeitig, in einem Kajak-Zweier international vorne mitzumischen. Mit meinem langjährigen Club-Kameraden Woody gelang ein zehnter Rang an der EM, aber auch nicht mehr. Dieses Jahr gab ich nochmals alles mit Andri – im Wissen, dass es vielleicht meine letzte Chance ist. Doch mein Körper wollte nicht.

Es fällt mir erstaunlich leicht, das zu akzeptieren. Ich glaube die Zeit ist reif für etwas Neues. Der Kanusport liebe ich nach wie vor und ich werde in irgendeiner Form immer diesem Sport erhalten bleiben, aber ich sehe zu geringe Chancen für eine erneute Olympiateilnahme, und zwar eine ohne Zittern und Warten bis zum Schluss. Auf der anderen Seite reizt mich der Berufseinstieg in den Journalismus enorm. Ich kann diesen nun mit einem Praktikum beim SRF Sport vollziehen – ohne meinen Background als Sportler wäre ich wohl nie an diese Top-Adresse herangekommen. Das Verfolgen von Träumen lohnt sich, der Glaube es zu schaffen ebenfalls.

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3 Kommentare

  1. Huber Christian

    Fabio es ist ein schöner Bericht. Ich gratuliere dir zu deinen Sportlichen Leistungen. Ich gratuliere dir aber auch zu diesem Schritt und viel Glück in das Berufsleben. Ich danke Dir für die Zeit, wo ich mit dir an div. Nationalen und Internationalen Rennen verbringen durft. Wünsche dir eine gute Gesundheit und viel Freude an deinem Zukünftig Leben. Christian Huber🍀👍

    • Danke Christian für die lieben Worte, habe die Zeit auf dem Wildwasser sehr genossen und viel davon gelernt! Liebe Grüsse und alles Gute

  2. Hey Fabio, Gratulation zu deiner mutigen und starken Entscheidung. Du bist ein großartiger Sportler und kannst stolz sein auf deine Leistung.
    Viel Spaß und Erfolg in deinem neuen Lebensabschnitt.
    Beste Grüße aus Hamburg,
    Lars

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